Der Beitrag der „Spanischen Studenten“ zur Popularisierung der Mandoline

Der Beitrag der „Spanischen Studenten“ zur Popularisierung der Mandoline[1] (Franz Fellner)

Die Mandoline, die Ende des 18. Jahrhunderts zu einem regelrechten Modeinstrument avanciert war, was sich in ihrer Verwendung in Opern Mozarts, Salieris, Cimarosas, Solers, Grétrys und Paisiellos reflektiert, geriet nach der Periode „reisender Virtuosen“ (Vimercati, Bortolazzi und Vailati) bis zur 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts derartig in Vergessenheit, dass Hector Berlioz in seiner Instrumentationslehre deren völliges Verschwinden von den Bühnen selbst renommierter Opernhäuser heftig beklagte.[2]

Einen Neubeginn fanden Mandolinen und mandolinenähnliche Instrumente in Form von Zusammenschlüssen zu sog. „Circoli Mandolinistici“ in Italien bzw. „Estudiantes/Estudiantinas“ (manchmal auch als „Tuna“ bezeichnet) in Spanien. Erste solche Vereinsgründungen fanden in den späten 1870er Jahren in Perugia und Florenz bzw. in Madrid statt.[3] Bei der weltweiten Popularisierung der Mandoline kam vor allem einer spanischen Truppe mit dem Namen „Estudiantina Figaro“ („Studentengruppe Figaro“ – meist schlicht als „Spanische Studenten“ bezeichnet) unter Denis Granada eine besondere Pionierrolle zu, obwohl ihre Musiker gar keine Mandolinen im eigentlichen Sinne spielten, sondern deren spanische Form, die Bandurria (die aber fast überall als „Mandoline“ rezipiert und übersetzt wurde). Die Gruppe, die sicher nicht ausschließlich aus Studenten bestand, reiste 1877 zu Fuß von Madrid nach Paris und trat dort im Rahmen der Weltausstellung 1878 auf, wobei deren Musiker nicht nur innerhalb des Ausstellungsgeländes, sondern auch auf den öffentlichen Straßen und Plätzen überall für Furore sorgten, wo sie in Erscheinung traten.Ihre schwarze, samtene Tracht geht bis auf die Studenten der alten Universität von Salamanca zurück, wobei als besonderes Merkmal, das immer wieder beschrieben wird, ein elfenbeinener Löffel auffällt, der in ihren Hutkrempen steckte. Dieser war ursprünglich ein Symbol für die herum vagierenden Studiosi, die gelegentlich als Almosen (u. a. für ihre Gesangs- und Musikdarbietungen) eine Schüssel Suppe erhielten. Die spanische Form der Mandoline, die Bandurria, wird schon in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts im Libro del Buen Amor von Juan Ruiz erwähnt und war fester Bestandteil solcher „Studentenmusikkapellen“.[4]Vom ungeheuren Erfolg in Paris beflügelt, beschlossen die „spanischen Studenten“ anstatt ihre Studien fortzusetzen eine regelrechte Welttournee zu beginnen, die sie zunächst in die meisten Länder Europas bis nach Rumänien und Russland und bereits 1878 im Rahmen dieser Tour auch nach Wien ins Theater in der Josefstadt führte. Dort trat die „Estudiantina“ unter großer Anteilnahme breiter Bevölkerungsschichten und dem Beifall der Kritik zwischen 10. Oktober und 2. Dezember in insgesamt 55 Vorstellungen auf, das belegen zahlreiche begeisterte Presseberichte.[5] Von der Breitenwirksamkeit dieser Truppe zeugt auch die Tatsache, dass es bereits zwei Tage nach deren letztem Auftritt eine Parodie im Carltheater gab.[6] Auf ihrem Programm standen u. a. der heute noch gespielte El Turia-Walzer, ein Potpourri, weitere Walzer namens Madrid und El´Paraiso sowie eine Granadina-Mazurka von Granado, die Ouvertüren zu Martha von Flotow und zu Stiffelio von Verdi.[7]In einem zeitgenössischen Bericht wird die Tracht der Truppe so beschrieben: „Für (ihre) Reisen besitzen sie obligate Kostüme, die klassischen Kostüme der Studenten von Salamanca des 16. Jahrhunderts: Einen Hut, der zu drei Viertel den Kopf bedeckt, mit einem kleinen Elfenbeinlöffel nach Fasson der Kokarden[8], Wams, Bauchbinde und kurze Samthose, schwarze Seidenstrümpfe, weiße Handschuhe, Schuhe verziert mit Schleifen aus Bändern wie auch ihre Gitarren und über allem ein großer Umhang.“

Das Phänomen der spanischen Studenten sollte allerdings keinesfalls auf Europa beschränkt bleiben. Bereits 1880 gelangten sie über London nach Nordamerika, wohin sie der Theaterimpressario R.W. Deutsch verpflichtete.[9] Auch in der Neuen Welt erfuhr die Karriere der Estudiantes keinen Abbruch, im Gegenteil, das Phänomen der Musikanten mit ihren Mandolinen und dem Elfenbeinlöffel am Hut war so erfolgreich, dass sich bald eine derartige Menge von Konzertankündigungen „spanischer Studenten“ in amerikanischen Zeitungen findet, dass es sich auf keinen Fall um eine einzige Truppe handeln konnte, denn diese hätte dann vielfach an mehreren Orten gleichzeitig auftauchen müssen. Es handelte sich also um eine Vielzahl von Nachahmern (u.a. vom Italiener Carlo Curti)[10], die sich trotzdem meist als „The Original Spanish Students“ ausgaben. Der Begriff „Spanish Students“ wurde bald zum Synonym für Mandolinespieler ganz allgemein. Später führte sie ihre Welttournee, allerdings unter einer anderen Leitung, sogar bis Mittel- und Südamerika nach México, Cuba, Puerto Rico, Guatemala, El Salvador, Costa Rica, Ecuador, Perú, Argentinien, Chile und Bolivien.[11]

Weltweit kam es ab Ende des 19. Jahrhunderts zur Gründung von Mandolinenvereinen, auch in den Vereinigten Staaten werden nach dem Vorbild der Estudiantines an den Colleges und Universitäten sogenannte „Glee and Mandolin Clubs“ (Gesangs- und Mandolinenvereine) zur gängigen Erscheinung.Auch in Österreich fand die spanische „Studententruppe“ unter Denis Granada[12] bald Nachahmer: 1895 gründeten in Wien ansässige italienische Studenten und Arbeiter einen „circolo mandolinistico“, der später von Österreichern weitergeführt wurde. Die Entwicklung der Mandoline zu einem regelrechten Masseninstrument sollte Anfang des 20. Jahrhunderts im Rahmen der Arbeitermusikbewegung erfolgen und fand ihren Ausdruck 1924 in der Gründung des VAMÖ (damals: „Verband der Arbeitermandolinenvereine Österreichs“). Einen Höhepunkt der Popularität widerspiegelt das internationale Zupfmusikfest in Leipzig, wo 3000 Zupfmusiker gleichzeitig unter der Leitung mehrerer Subdirigenten auftraten.[13] An der Musik- und Sozialgeschichte waren also drei gesellschaftliche Gruppen zu unterschiedlichen Zeiten beteiligt: Aus dem Modeinstrument adeliger Kreise zur Zeit Mozarts wurde über Vermittlung spanischer Studenten später das Hauptinstrument der Arbeiterbewegung.

Franz Fellner (weitere Infos unter: www.franz-fellner.com/publikationen)

 

[1] Dieser Artikel beruht zum Teil auf Beiträgen der Festschrift „Die Instrumente des VAMÖ – gestern, heute, morgen“, die über den VAMÖ bezogen werden kann (58 Seiten, 15€). Eine erweiterte Version des vorliegendenTextes mit Quellenangaben findet sich unter www.franz-fellner.com/publikationen .

[2] Hector Berlioz, Instrumentationslehre, Paris 1863, S. 70.

[3] Paul Sparks, The Classical Mandolin, Oxford 1995, S. 29.

[4] Juan Ruiz, Libro del Buen Amor, 1330 und 1343. Nachdruck 1992 hrsg. von Alberto Blecua (Madrid: Cátedra). Deutsch: Aus dem Buch der guten Liebe : Altspanische Gedichte über d. Liebe. Aus dem Spanischen übertragen und eingeleitet von Wenzel Goldbaum. München (Goldmann) 1960.

[5] Vgl. Die Presse, 11. Oktober bis 1. Dezember.

[6] Die Presse, 3. Dezember 1878, S. 11.

[7] Die Presse, 10. Oktober 1878, S. 12.

[8] (im Frankreich des 17. Jahrhunderts eine am Hut befestigte Bandschleife als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Partei, später als Zeichen für Anhänger der Revolution).

[9] Chicago Daily Tribune (Chicago, Illinois), 31. August 1879, S.11. Sie landeten in New York am 2. 1. 1880 (The New York Times 2. Jänner 1880, S. 8) und absolvierten ihre ersten Tourneen mit der populären „Humpty Dumpty Combination“ des erfolgreichen Theaterdirektors Henry E. Abbey. (Vgl. z.B. : Boston Post (Boston, Massachusetts) 8. Jänner 1880, S. 3 und 9. Jänner, S.2)

[10] Dieser stellte, angespornt vom Erfolg der „Estudiantina“, eine Gruppe zusammen, die sich aus italienisch-stämmigen Amerikanern zusammensetzte (und sich als „Original Spanish Students“ bezeichnete). (Vgl.: Jean Dickson, Mandolin Mania in Buffalo’s Italian Community, 1895 to 1918. In: Journal of World Anthropology: Occasional Papers: Volume II, Number 2)

[11] Vgl. z.B.: Crónica y relato de la presencia de la Estudiantina Española enVenezuela, auf :www.academia.edu ; José Peñín, Música popular de masas, de medios, urbana o mesomúsica venezolana in: Source: Latin American Music Review / Revista de Música Latinoamericana, Vol. 24, Nr. 1, S. 62; für Guatemala : The Times Picayune 5. Mai 1887 (New Orleans, Louisiana), S.4 und : Héctor Rendón Marín, De liras a cuerdas. Una historia social de la música a través de las estudiantinas. Medellín, 1940 – 1980 (Masterarbeit) Universidad Nacional de Colombia 2009, S. 33 ff.

[12] Er war nicht nur der Leiter und Arrangeur der Truppe, sonder von ihm ist auch eine Reihe von Kompositionen erhalten. Einige davon (wie der El Turia Walzer und eine Hamburg Mazurka) sind in der ÖNB Musiksammlung verfügbar.

[13]     Volksmusik, 1929, 5. Jg, Nr. 7 S. 2.

 

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